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Arbeitsfähig in die Zukunft

Anerkennender Erfahrungsaustausch

Der Anerkennende Erfahrungsaustausch ist ein in der Praxis erprobtes Führungsinstrument, bei dem die Zeiten der Anwesenheit des/der Mitarbeiters/in und nicht seine Abwesenheitszeiten im Mittelpunkt stehen. Dies schärft den Blick der Führungskräfte auf vorhandene Ressourcen von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Wohlbefinden der Mitarbeiter im Unternehmen sowie bei der Arbeit und bietet die Möglichkeit, betriebliche Gesundheitspolitik neu zu gestalten oder zu verändern.
Oft findet Führung immer dann statt, wenn es ein Problem gibt bzw. gegeben hat. Jedoch ist, selbst bei einer überdurchschnittlich hohen Fehlzeitenquote, die Mehrheit der Mitarbeiter tagtäglich bei der Arbeit. In der Realität neigen Führungskräfte jedoch dazu, sich auf diejenigen Mitarbeiter zu konzentrieren, die arbeitsunfähig abwesend sind.
Beim Anerkennenden Erfahrungsaustausch lernen die Führungskräfte von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und machen diese zu Expertinnen und Experten ihrer Arbeit. Durch dieses partizipativ-teilnehmende Führungsverhalten stellt sich ein Gefühl der Wertschätzung und der Anerkennung beim Mitarbeiter ein. In einem mindestens 30 Minuten langem Gespräch werden Fragen zu den Stärken (=Arbeitsfähigkeits-Ressourcen) im Unternehmen und bei der Arbeit aus Sicht der auffällig Anwesenden gestellt. Es sollen aber auch Fragen im Sinne eines betrieblichen Frühwarnsystems, zu Schwächen (=Arbeitsfähigkeits-Belastungen) im Unternehmen und bei der Arbeit gestellt werden. Die Antworten aus wenigen Fragen (Beispiele siehe Tabelle 1) werden von den Führungskräften schriftlich dokumentiert. Diese Dokumentation geht nur an den betreffenden Mitarbeiter und an die Führungskraft und dient somit als Erinnerungsstütze für das nächste Gespräch (sinnvoll ist einmal jährlich). Anonymisiert bilden sämtliche Gesprächsnotizen die Grundlage für eine betriebliche Gesamtauswertung. Diese Gesamtauswertung sollte im nächsten Schritt in Form von Maßnahmen-Workshops bearbeitet werden, um konkrete Handlungen daraus ableiten zu können.

 

Themen/ Fragen:

Was gefällt Ihnen bei der Arbeit?
Was davon am meisten?
Auf was sind Sie stolz im Unternehmen oder bei der Arbeit?
Was macht ihr Arbeitgeber für die Gesundheit der MA?

Stärken=Ressourcen

Was belastet und stört Sie?
Was davon am meisten?
Was würden Sie an meiner Stelle als erstes weiter verbessern?

Belastungen=Schwächen

ZIRKULÄR: Können Sie sich vorstellen, dass ihre KollegInnen den Beruf bis 65/67 ausüben können und wollen?
ALTERNATIV: Was brauchen Sie, um die verbleibende Zeit bis zur Rente arbeitsfähig zu bleiben?

ARBEIT und ALTER

Tab. 1: Der Anerkennende Erfahrungsaustausch

 

Die positive Wirkung auf die Führungskraft selbst sollte auch nicht unterschätzt werden. Dieses Instrument stellt eine systematisch positive Ausgestaltung von Führungsaufgaben dar und dient somit als Ausgleich zu meist problembezogenen Gesprächsanlässen. Tabelle 2 soll noch einmal den Unterschied zwischen einem Fehlzeitengespräch und dem Anerkennenden Erfahrungsaustausch verdeutlichen.

 

Dialog

Fehlzeitengespräch

Anerkennender Erfahrungsaustausch

Zielgruppe

Belegschaftsminderheit – Auffällig Abwesende

Belegschaftsmehrheit – Auffällig Anwesende

Dialoganlass

Korrektiv, da Anlass gegeben

Präventiv und systematisch

Ziele des Dialoges

  • Reparatur des Psychologischen Vertrags
  • Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit: Belastungen bei der Arbeit verringern und eine Verbesserung der Anwesenheit erreichen
  • ggf. BEM
  • Erhalt und Stärkung des psychologischen Vertrags
  • Erhalt und Verbesserung der Arbeitsfähigkeit: Ressourcen erkennen, erhalten und ausbauen sowie Hinweise für Verbesserungen erhalten
  • Frühzeitige Hinweise für alter(n)gerechtes Arbeiten

Wirkung des Dialoges

individuell

individuell und kollektiv

Führungskultur, Unternehmens­kultur

eher „Misstrauenskultur“ (Der Kranke hat schuld?!)

Förderung einer Vertrauenskultur durch partizipativ-wertschätzendes Führungsverhalten

Personalführung

Arbeitsunfähigkeit: Forschen nach Ursachen der Vergangenheit

Arbeitsfähigkeit: Forschen nach Möglichkeiten der Zukunft

Tab. 2: Vergleich: Fehlzeitengespräch – Anerkennender Erfahrungsaustausch

 

Quelle: Geißler et al. (2004): Der Anerkennende Erfahrungsaustausch. Das neue Instrument für die Führung. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2004.